Das Energiewende Handbuch ist jetzt seit einiger Zeit beim Zweitausendeins Verlag erschienen. Im Spätsommer letzten Jahres hatte mich der Verlag gebeten, ein Nachwort zu verfassen, da ich am Anfang des Jahres bereits an einem Transition Training in Totnes/England teilgenommen hatte.
Ich sollte versuchen, dem Handbuch ein wenig den Weg nach Deutschland zu ebnen und dem Leser vorstellen, was es in Deutschland bereits an entsprechenden Initiativen gibt.
Ich habe das Nachwort also geschrieben – und das Nachwort wurde nicht veröffentlicht. Der Verlag hat sich für eine kürzere und weniger persönliche Version einer anderen Autorin entschieden.
Hier also der Text.
‘Transition Towns integriert Kopf, Herz und Hand. Es ist eine Bewegung, die sich den örtlichen Gegebenheiten anpasst.
Sie nutzt und benutzt Dynamiken, die vorhanden sind und bietet kreative und individuelle Möglichkeiten der Umsetzung. Es gibt also keinen Grund, warum Transition Initiativen nicht auch hier umgesetzt werden können.
Deutschland verfügt über einen grossen Pool an ‘Resourcen’: an Informationen, Know-How und Kreativem Potential, das alles in den Transition-Prozess, den Übergangs- und Wandel-Prozess integriert werden kann.
Ständig bilden sich neue soziale Netzwerke im Internet, die sich mit nachhaltigen Lebensweisen auseinandersetzen und die sich engagieren möchten.
Mehr und mehr werden Auswirkungen von Peak Oil und Klimawandel realisiert und öffentlich diskutiert.
Sprich: die Menschen sind da, das Bedürfnis ist da – und das Transition Town Modell bietet Unterstützung, Möglichkeiten und einen Prozess, der weit über bewusstes Konsumverhalten hinaus geht.
So gesehen gibt es mit der Übersetzung des Transition Handbook keine Möglichkeit für uns Deutsche mehr, uns aus der Verantwortung zu ziehen.
Die Möglichkeiten, selbst etwas zu unternehmen, sind gegeben und hier ist konkretes Handwerkszeug, das benutzt werden kann. Man muss nicht einmal mehr warten, bis die deutsche Übersetzung auf dem Markt ist…
Es gibt direkte Ansprechpartner, es gibt Wissen, in Deutschland und auf der ganzen Welt, das zugänglich ist und integriert werden kann. Es existiert kein Copyright.
Die einzige Konfrontation ist meiner Meinung nach unser eigenes Bewusstsein, unserer eigene Wahrnehmung der Umstände, die unser Handeln entweder beschränkt oder beflügelt. Und mehr und mehr fordern die Umstände von uns, uns zu erlauben, Neues zu Denken und für uns selbst, für unsere Kinder und für den Planeten Verantwortung zu übernehmen.
Das Transition Towns Modell ist nicht aus einem Denken entstanden, das separiert, gegen etwas arbeitet oder nur eine bestimmte Gruppe von Menschen anspricht. Transition Towns denkt integrierend, denkt ‘sowohl, als auch’ und nicht ‘entweder, oder’. Das Konzept ist sich der Ko-Operation und Ko-Kreation als Mittel der Evolution bewusst und plant und gestaltet dementsprechend.
Daher ist es ein kraftvolles Werkzeug für wirklichen Wandel. Es konfrontiert uns mit den Grundfesten unserer Glaubenssysteme. Es kratzt am Mythos unseres Wirtschaftssystems, das nur funktioniert, weil es Soziales und Ökologisches ausgrenzt. Es konfrontiert uns mit unserer Gemeinschafts- und Kommunikationsfähigkeit und gibt uns Selbstverantwortung zurück.
Einige dieser Punkte machen, denke ich, klar, warum Transition Towns nicht von
Gemeinden oder Städten ‘verordnet’ oder iniziiert werden (können), und warum die Anzahl der Transition Initiativen eine Art Spiegel der Bewusstheit und Initiative der Gesellschaft, bzw der Beschaffenheit und Werte der Kultur sind.
Was ich bei meinen Recherchen zur ‘Energiewende’ in Deutschland festgestellt habe ist, dass die Lösung hauptsächlich in einer Wende hin zu erneuerbaren Energien gesehen wird. Die Energiefrage wird isoliert betrachtet. Zusammenhänge mit anderen Systemen und Vorgängen wie zum Beispiel der Wirtschaftsweise werden so gut wie gar nicht beachtet. Die Lösungsansätze entstammen der gleichen Art zu denken, entstammen derselben Art, die Welt zu betrachten, die die Probleme geschaffen haben: Wir bauen und schrauben und drehen am System, tauschen Teile aus, ersetzen Komponenten, auf dass es wieder funktioniert.
Es wird Zeit, sich von diesem mechanistischen Paradigma zu verabschieden. (Ein Paradigma kann als vorherrschendes Denkmuster einer bestimmten Zeit betrachtet werden, somit verändert ein Paradigmen Wechsel die Art und Weise auf die wir die Realität empfinden.) Die Erde ist kein Uhrwerk, unser Körper ist kein Uhrwerk, Ökosysteme sind keine Uhrwerke, in denen Komponenten einfach ausgetauscht werden können. Genauso wenig ist es möglich innerhalb eines begrenzten Systems, sprich: der Erde, unbegrenzt zu wachsen. Ebenso fatal ist die Annahme, dass der Mensch Mittelpunkt allen Geschehens ist, bzw dass wir ‘höher’ oder ‘wichtiger’ als andere Arten sind und dass ‘unsere’ Erde dazu da ist, für unser Wohlergehen, unsere Nahrung und unseren Lebensraum zu sorgen.
Das vorherrschende Denken der westlichen Industriegesellschaften, das unsere Denkmuster und Wahrnehmungsweise bestimmt, ist schlichtweg nicht im Einklang mit natürlichen Prozessen und kann dadurch nicht lebenserhaltend oder ‘nachhaltig’ sein, ergo wird es schwer fallen aus dieser Denkweise heraus ‘nachhaltige’ Lösungen zu finden.
Das ist keine Vorhaltung, sondern eine Feststellung und die Herausforderung der Phase der Evolution unseres Bewusstseins, in der wir uns befinden.
Eine integrierte/holistische Denkweise ist sich des Menschen als Teil eines sich ständig entwickelnden, sich selbst regulierenden Systems, der Erde, bewusst, in dem alles mit allem in Beziehung steht.
Sie verschiebt den Fokus von den Einzelteilen auf des Ganze, von den Komponenten selbst auf die Beziehungen zwischen den Komponenten, von der Quantität zur Qualität, von festen Strukturen hin zu Prozessen. Sie integriert das Wissen um Veränderung und Transformation.
Aus einem solchen Denken, aus einer solchen Wahrnehmungsweise, entsteht ein neues Selbstverständnis, eine neue Ethik und eine neue Art zu planen und zu gestalten.
Die Auswirkung eines solchen Bewusstwerdungs- und Wandlungsprozesses können enorm sein, in Bezug auf unsere persönliche Lebensqualität und in Bezug auf die uns umgebenden Strukturen, sprich: die Art und Weise wie wir unser Leben gestalten.
Jede menschliche Organisationsstruktur entstammt einer bestimmten Art wahrzunehmen, zu denken und zu planen. Wenn ein Interesse an neuen Strukturen und an einer Transformation der Industriellen Wachstumsgesellschaft besteht, oder wenn die äusseren Gegebenheiten eine solche Transformation (überlebens)notwendig machen, wird das Bewusstsein und Selbstempfinden die Basis für positive, kreative und nachhaltige Neustrukturierungen bilden.
Transition Towns integriert die holistische Denk- und Wahrnehmungsweise und deswegen halte ich das Modell für eines der vielversprechendsten für den Übergang in eine zukunftsfähige Gesellschaft.
Das Transititon Towns Modell und sein Handbuch verbreiten sich schnell.
Wir waren im März 2008 in Totnes (das Handbuch war gerade erschienen), um die Initiative kennenzulernen und an einem Transition Training teilzunehmen – voller Freude und Enthusiamus, mit einem Projekt zu arbeiten, das unsere integrative Herangehensweise an die Vermittlung von nachhaltigem Leben ebenfalls umsetzt und darüber, engagierte Menschen aus den verschiedensten Gemeinden von den britischen Inseln und sogar aus den Vereinigten Staaten zu treffen, die eine Transition Initiative starten möchten.
Es hat grossen Spass gemacht und war sehr inspirierend , die Initiatoren, das Team und Totnes selbst als einen der ersten Transition Towns kennenzulernen und all die Offenheit, die Bereitschaft, Wissen zu teilen und die Intelligenz und Integrität des Transition Town Modells zu erleben.
Meinen tiefen Respekt für all die Arbeit und all das Engagement!
Jetzt ist es Juli und das Transition Handbook wird ins Deutsche übersetzt.
Das zeigt mir, dass das Konzept funktioniert: Auf einfache und zugängliche Weise und ‘kopierbar’ den Prozess der Relokalisierung und die Anpassungsfähigkeit von Gemeinden an zurückgehende Energie- und Resourcenverfügbarkeit zu unterstützen.
In Deutschland existieren bereits diverse Projekte und Gemeinden, die eine eigenständige Wärme- und Stromversorgung anstreben oder bereits realisiert haben. Es gibt Ökodörfer, die sich seit Jahren mit Fragen um nachhaltige Gemeinschaften beschäftigen und wo sich mittlerweile viel Wissen in diesen Bereichen angesammelt hat. Es gibt Universitäten, die Modelle für nachhaltige Dörfer entwickeln und die ihr Konzept schliesslich mit grossen Investitionen an einer ausgewählten Modell-Gemeinde umsetzen. Es gibt Initiativen zur Stadt-Landvernetzung, Permakultur Know-How, Nachhaltigkeits-Blogs, Gemeinschaftsgärten, Spezialisten zu alternativen Währungen und Geldsystemen und, und, und…
Selbstverständlich gibt es auch Städte und lokale Agendas, die sich bemühen zukunftsfähig zu sein.
Und jetzt gibt es dann den Zugang zum Transition Towns Modell, das uns den Prozess des Übergangs in eine selbstbestimmtere, nachhaltigere Zukunft selber gestalten lässt und das einen ganzheitlichen, integrativen Ansatz hat.
So etwas gibt es in Deutschland bisher nicht.
Wie Rob bereits beschrieben hat, bildet Permakultur die Basis des Transition Town Modells.
Meiner Meinung nach wird es schwer fallen, eine Transition Initiative zu starten und am Leben zu erhalten, wenn sich nicht einige der Gruppe mit Permakultur auskennen.
Ich sage nicht, dass das notwendig ist, aber nachdem ich mich selber seit einigen Jahren mit Permakultur beschäftige und auch Einführungsworkshops gebe, kann ich Rob’s Beobachtung bestätigen, dass das Permakultur Wissen und die Prinzipien immer mehr in die eigene Art wahrzunehmen und zu denken, und somit auch in das Gestalten und Handeln integriert werden.
Und das erleichtert den Transition Prozess und die Vermittlung dieses Prozess enorm.
In Deutschland gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, die sich mit Permakultur beschäftigen. Mich wundert immer wieder wie wenig dieses exzellente und profunde Wissen bis jetzt in deutschen Bereichen der ‘nachhaltigen Entwicklung’ Anwendung gefunden hat. Aber das kann sich ja ändern.
Und ich denke, dass sich das ändern wird, in dem Augenblick, wo Menschen in Deutschland realisieren, dass ‘Entwicklung’ nicht mehr Wachstum heissen kann und dass das System in dem wir leben, so wie es organisiert ist, einer Zukunft mit weniger Öl und immer mehr Unvorhersehbarkeit nicht gewachsen ist.
Je mehr Menschen das am eigenen Leib spüren, desto mehr kann der Prozess beginnen, sich von Ämtern, Institutionen und unflexiblen Strukturen zu emanzipieren und selbst nach Methoden und Mitteln zu suchen, die es ermöglichen, die eigene Zukunft selbstbestimmt, gemeinschaftlich und nachhaltig zu gestalten.
Zum Thema Permakultur gibt es in Deutschland etwas an Literatur. (Leider sind die Hauptwerke noch nicht ins Deutsche übersetzt.) Es gibt die Möglichkeit, an Workshops teilzunehmen sowie eine Ausbildung zum Permakultur Designer zu machen.
Im Internet existieren einige deutschsprachige Foren und wenn man die Möglichkeit dazu hat, kann man durch die internationalen, weltweiten Projekte und Netzwerke ‘browsen’ und sich inspirieren lassen.
Wie Rob für England, so wünsche ich der Permakultur in Deutschland, dass immer wieder Kontakt und Austausch mit dem ‘Mainstream’ und auch den Bildungseinrichtungen gesucht wird, und dass die Medien den Prozess unterstützen, das ungeheure Potential und Wissen, das Permakultur für eine Nach-Peak-Oil Gesellschaft bereithält, zugänglich zu machen.
Auch dazu können Transition Initiativen als Katalysator dienen.’
Lars Schmidt, www.art-ecology-education.org, 2008 – Sprich, falls ihr mich zitiert, fände ich’s schön wenn ihr den link dazupackt…
Ich habe zu dem Nachwort eine Liste von Projekten, Einrichtungen und Regionen in Deutschland erstellt, die den Transition Prozess unterstützen und inspirieren können, und die dem Denk- und Planungsansatz des Transition Town Modells entsprechen.
Die Liste findet sich hier. (‘Ressourcen’ auf www.energiewende.wordpress.com)
Der offizielle deutsche Energiewende Blog:
www.energiewende.wordpress.com
One Comment
Hab das Handbuch gerade gelesen. Ein Aha-Erlebnis war für mich die Auflösung des Dilemmas zwischen Grasswurzel-Bewegungen und von oben verordneten “Lösungen”, welche irgendwie meistens den Weg nicht zueinander finden.
Der vorgeschlagene Weg über die Kommune scheint sehr vielversprechend zu sein, weil es immer noch genug Potential gibt, dass auch Einzelne etwas bewegen können (in der Kommune) und andererseits Kommunen eine starke Stimme in der politischen Landschaft haben und gehört werden können.